Die Bedeutung des Gebetes

Geschrieben von Wolfgang Hans Albrecht

28. September 2025

Die Bedeutung des Gebetes in Bezug auf die Ekklesia, die Sünde und die Leere (Kenosis)

Allgemein
Sinn und Bedeutung des Gebetes, sowie Kraft und Energie in den Worten beinhalten Geheimnisse, die sich durch reine Vernunft nicht entschlüsseln lassen. Man muss sie einfach spüren und in dem Augenblick, indem man sie spürt, hat sich bereits das Tor zu einer neuen Welt geöffnet. Die Brücke zu neuen/inneren Welt hat sich dann gezeigt. Emanuel Kant sprach von der Unmöglichkeit, das Wesen des unbedingten mittels der reinen Vernunft zu erkennen. Doch lasst uns etwas tiefer in das Wesen und die Grundmauern des Gebetes eindringen, auch wenn es sich dabei wie man so schön sagt, nur um ein Kratzen an der Oberfläche handelt. Das wahre Wesen des Gebetes lässt sich sowieso nur durch die regelmäßige Anwendung erfahren.

Was bedeutet Ekklesia
Die Ekklesia ist die Gesamtsumme der Praktiken und Methoden der heiligen Schriften sowie Zeugnisse und Lehren der Heiligen über die Gotteserkenntnis. Dazu gehört auch die Organisationsstruktur der Kirche. Die Ekklesia wird als geistiges Klinikum zur Heilung der Krankheiten des Herzens betrachtet, die unserer Gottesschau im Wege stehen. Natürlich steht die heutige christliche Kirche, besonders die katholische Kirch diametral zu diesen Grundwerten, wie sie durch die heiligen und Altväter festgelegt wurden. Doch bei einer athonistischen Ausrichtung liegt die Essenz der Ekklesia klar auf der Hand. Das oberste Ziel der Ekklesia ist somit die Wiedereinsetzung der Menschen in ihren natürlichen, gottgegebenen Stand, in die Einheit mit Gott. Die Menschen lebten vor dem Fall in einem Zustand der ständigen Kontemplation mit Gott (ständige geistige Verbindung). Nach dem Fall waren Herz und Geist durch das Ego und die Identifikationen verwirrt und geblendet. Aus dieser Situation heraus waren die Menschen somit von der heiligen Einheit und Verbindung mit Gott und dem Absoluten abgeschnitten. Sie wurden sozusagen von der Quelle allen Seins getrennt. Das führt uns unweigerlich zur Frage nach der Sünde.

Was ist die wahre Bedeutung von Sünde?
Die meisten Menschen denken, Sünde sei die Verletzung der moralischen Ordnung. Das würde bedeuten, dass jede Sünde im geistigen Sinne einen Straffall gleichkommen würde. Im weltlichen Kontext bzw. in Bezug auf die weltliche Gesetzeslage kann man das auch genauso sehen. Der uralten Überlieferung zufolge gibt es die Bedeutung von „amartia“, was soviel bedeutet wie Sünde und sich entsprechend übersetzen lässt: „vom Ziel abgekommen“ und was man gleichsetzen kann mit dem Begriff „von Gott abgeschnitten zu sein“.

Doch wo liegt der Sinn im Begriff der Sünde? Ich erlaube mit bewusst die Frage zu stellen, die ich von vielen Menschen höre, die ich begleiten darf:

„Wie kann es Sünde sein, wenn ich ein bestimmtes Verhalten an den Tag lege, das mit Lust zusammenhängt und mir Freude bereitet, ohne das ich dabei andere Menschen im Sinne der göttlichen Ordnung verletze? Warum sind Geiz oder Unersättlichkeit Sünde“?

Dazu lehren die Heiligen und Altväter, was sich auch über die Ekklesia ausdrückt wie folgt:

Wenn Herz und Geist, der „nous“ an den Dingen der Welt verhaftet bleiben, unabhängig davon ob es sich bei diesen Dingen um Geld oder körperliche Freuden, Egoismus, Meinungen, Ideologien und ähnliches handelt, dann begeht der Mensch eine Sünde. Du wirst von den Ablenkungen unterjocht“. Man könnte es auch so ausdrücken, das Herz und Geist des Menschen auf Grund dieser irdischen Anhaftungen oder Identifikationen von Gott abgeschnitten werden.

Müssen die Menschen nun in Askese leben, um aufzusteigen?
Im Grunde geht es auch hier wieder um die Essenz der Aussage. Es geht darum, Herz und Geist nicht von den Dingen, den Identifikationen der äußeren Welt, die uns von Gott abschneiden abhängig zu machen. Das ist eigentlich ein Grundgesetz und die Einhaltung dieses Gesetzes bringt uns die wahre Freiheit und Erfüllung (Fülle) im Leben. Das ist es was ich meine wenn ich sage: „ins Herz gehen“.

Hier ein Beispiel der Altväter und Heiligen:

„Ein Mensch kann sehr reich sein und doch gilt er in den Augen Gottes nicht als reich. Ein anderer besitzt vielleicht nur eine einzige Nadel und ist in Gottes Augen dennoch reich. Andererseits kann ein wohlhabender Mensch vom Geiz befreit werden und sich physisch völlig von seinem Reichtum lösen und Gott nahe sein, ein anderer Mensch jedoch, der nur eine einzige Nadel besitzt mit Herz und Geist an dieser Nadel kleben kann und von Gott getrennt ist“.

Dazu gibt es ein schönes Gleichnis von Jesus Christus das ähnlich wie folgt lautet: „Ein Kamel geht eher durch ein Nadelöhr als das ein Reicher in den Himmel kommt“.

Mir gefällt dieses Gleichnis sehr gut, denn es zeigt eines sehr klar. Der Reiche, kann deswegen nicht in den Himmel kommen, weil er von den Dingen der Welt besessen ist. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Millionen oder um lediglich um eine Nadel handelt. Um in das Paradies, in den Palast des Vaters zurückzukehren ist es entscheidend, sich von jeglichen Anhaftungen von Dingen dieser Welt zu befreien. In der Ekklesia wird das als „kenosis oder als die Leere“ bezeichnet.

Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das Gebet?
Die Methodik der Ekklesia zielt darauf ab, uns zu helfen, das wir diese Freiheit, also die „kenosis“ von den Leidenschaften und Begierden erreichen. Die Heiligen und Altväter beschreiben das Gebet wie folgt: „Das Gebet ist die Kraft, die einen Menschen zur Wiederverbindung mit Gott führt. Im Gebet ist es erforderlich, Gedanken, Ideen und Obsessionen (Zwangsvorstellungen- oder Handlungen) sämtliche Zugänge zu verwehren und seine gesamte Energie auf den persönlichen Gott zu richten. Das ist keine Bewegung hin auf eine abstrakte, unpersönliche Intelligenz irgendwo jenseits der manifesten Welt oder über den Wolken. In dem Moment, in dem du den Namen Gottes anrufst, beginnst du eine persönliche Beziehung mit Gott aufzubauen. Auf diese Persönlichkeit bewegst du dich als Seele hin, wenn du betest“.

Wie soll gebetet werden?
Es gibt grundsätzlich viele Arten und Formen von Gebeten für die unterschiedlichsten Situationen. Es gibt das Gebet, das gemeinsam mit anderen gebetet werden kann. Das gemeinsame gebet oder die gemeinsame Meditation oder Visualisierung stärkt die menschlichen Beziehungen und die die Verbindungen zueinander und zu Gott. Dann gibt es das persönliche Gebet. Die heiligen Bücher wie auch die Ekklesia bieten eine wahre Fülle an Gebeten, auf die wir zurückgreifen können. Es gibt Gebete für alle Situationen im Leben. Der heilige Maximus meinte wie folgt: „Diese Gebete sind aufgeladen mit geistiger Energie. Sie wurden von Gott-Bewussten und den Heiligen und Altvätern verfasst, die von der Gnade des Heiligen Geistes erfüllt waren. Ihre Liebe zu Gott strömte aus ihnen, als sie ihre Gebete komponierten, gerade so wie liebende Gedichte schreiben, um sich in ihrer Liebe untereinander auszutauschen.

In diesem Geist wurden die Gebete und Lobgesänge der Ekklesia verfasst. Wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, die Gebete der Heiligen zu rezitieren oder zu lesen, dann werden wir mit dem Geist der Heiligkeit verbunden, auf dessen Veranlassung diese Gebete geschrieben wurden. Die Energie der göttlichen Liebe wird dann auf unsere Seele übertragen. Deswegen ist es so wichtig zu lernen, mit diesen bewährten Gebeten der Heiligen zu beten. Mit der Konzentration auf die Worte verbindest du dich mit der göttlichen Energie, der Quelle der Inspiration die dazu geführt hat, das diese Verse geschrieben wurden.

Ist es wichtig, die Bedeutung der Wörter oder der Sätze zu verstehen?
Jeder der betet zieht seinen Nutzen daraus, unabhängig davon ob der betende oder lesende den Sinn versteht oder nicht. Die geistige Energie, die von diesen Worten ausgeht, wirkt auf individuelle Art und Weise auf den Menschen ein, eben so individuell wie er selbst ist. Früher oder später kommt auch das Verständnis für den Sinn und die entsprechenden Inhalte.

Zusammenfassung:
Das Gebet, ebenso wie die visualisierende Meditation ist die wirksamste Methode (Medizin) zur Heilung der Seele. Es ist die Wissenschaft der Wissenschaften. Wenn man diese Methodik des Gebetes verinnerlicht hat und beherrscht, dann können sich die Tore zu Gott öffnen. Die immerwährenden Wiederholungen der Kraftvollen Wörter öffnen uns die Tore zu den Welten jenseits unserer Sprache, welche uns zu den großen Mysterien der Theose führen (siehe auch BLOG Beitrag zum Das Jesus-Gebet). Dabei handelt es sich keineswegs um Geheimnisse, sondern um Offenbarungen, die infolge der Reinigung des Herzens durch tiefe „metanoia“ und Demut durch die Rückbindung mit der Quelle kommen. Die „metanoia“ bedeutet dabei die grundlegende Wandlung von Herz und Verstand durch tiefe Reue und Umkehr. Der Beginn des Prozesses und eine notwendige Stufe für die Wiedervereinigung der Seele mit der Quelle oder Gott. Es ist ein Geschenk für die um Einheit mit Gott ringende Seele.

 

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